Der deutsch-französische Provenienzforschungsfonds hat sechs neue Projekte zur Erforschung der Herkunft kultureller Objekte aus Subsahara-Afrika ausgewählt. Seit seiner Einrichtung im Januar 2024 wurden mit Unterstützung des Provenienzforschungsfonds 18 neue Projekte ins Leben gerufen, die Museen und Universitäten aus Subsahara-Afrika, Frankreich und Deutschland zusammenbringen.
Die diesjährige Projektauswahl unterstreicht erneut den Anspruch des Fonds, einen interdisziplinären Ansatz der Provenienzforschung zu fördern, der in einem weiten Sinne verstanden wird und nicht nur Objekte, sondern auch immaterielles Kulturerbe sowie Netzwerke von Akteurinnen und Akteuren auf internationaler Ebene einbezieht. So verfolgt das Projekt AFRITEX den Ansatz, textile Überlieferungen aus Zentral- und Westafrika als lebendige Archive zu betrachten, um ihre Provenienz über einen rein ästhetischen oder ethnografischen Ansatz hinaus nachzuverfolgen. Das Projekt PERFORM nähert sich aktuellen Fragestellungen der Provenienzforschung zu kulturellen Objekten aus den Grasslands in Kamerun unter Einbeziehung zeitgenössischer Kunst, Performance und verschiedener digitaler Formate. Schließlich setzt sich das Projekt PRESAT für die Rückführung visueller Archive von Dokumentarfilmen aus der Sammlung von Hans Schomburgk (1880–1967) ein, die sich mit der deutschen Kolonialherrschaft Togo (1884-1918) befassen.
Die Projekte zeichnen sich durch einen neuartigen theoretischen und methodischen Ansatz aus. In Partnerschaft mit dem Musée des Confluences, dem Museum Fünf Kontinente und dem Musée Honmé Bénin untersucht das Projekt ODAYO die Herkunft von Yoruba-Objekten, die heute in Sammlungen in Frankreich und Deutschland aufbewahrt werden, mithilfe chemischer Farbanalysen. Das Forschungsnetzwerk AA2GM, an dem unter anderem das Institut national d’histoire de l’art, das Museum am Rothenbaum – MARKK in Hamburg und das Musée Théodore Monod im Senegal beteiligt sind, untersucht die Geschichte afrikanischer Werke während des Zweiten Weltkriegs an der Schnittstelle zwischen der Forschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten und der Forschung zu unter dem NS-Regime entzogenen Kulturgütern. Schließlich stellt das Projekt HERA ethische Fragen im Umgang mit sterblichen Überresten indigener Gemeinschaften. Ziel ist der Aufbau eines internationalen Forschungsnetzwerks zur Sammlungsgeschichte solcher Bestände aus Zentral- und Südafrika.
Mehrere der ausgewählten Projekte stärken Kooperationen, die im Rahmen der „Networking und Partnerschaften“ Ausschreibungen initiiert wurden, und vertiefen die neu entstandenen Verbindungen zwischen musealen, universitären und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren aus Subsahara-Afrika, Frankreich und Deutschland. So ist es dem Projekt RESOTISSUS gelungen, ein Team für AFRITEX zusammenzustellen, das die Université d’Abomey-Calavi, die Technische Universität Berlin, den Verein PatriMundus und CY Cergy Paris Université zusammenbringt. Insgesamt wurden seit Einrichtung des Fonds im Januar 2024 im Rahmen von sieben Ausschreibungen 18 Projekte ausgewählt. Mehr als 150 Forschende aus über 90 Institutionen in mehr als 16 Ländern waren daran beteiligt. Die steigende Zahl eingereichter Projekte hat die Wettbewerbsfähigkeit des Programms erhöht, dessen Auswahl von einem unabhängigen wissenschaftlichen Beirat unter dem Vorsitz von Souleymane Bachir Diagne getroffen wird.
Im Jahr 2026 wird die Verwertung der im Rahmen der Projekte durchgeführten Forschung sowie der aufgebauten Netzwerke eine Priorität des deutsch-französischen Provenienzforschungsfonds zu Objekten aus Subsahara-Afrika darstellen, damit dieser eine nachhaltige gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.
Über den deutsch-französischen Provenienzforschungsfonds
Im Jahr 2023 haben Frankreich und Deutschland beschlossen einen gemeinsamen Fonds einzurichten, um die Forschung zur Provenienz von Objekten aus Subsahara-Afrika, die sich in öffentlichen Einrichtungen der beiden Länder befinden, zu fördern. Die französischen Ministerien Ministère de la Culture und Ministère de l’Europe et des Affaires Étrangères, sowie auf deutscher Seite der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt haben das Centre Marc Bloch mit der Verwaltung des Fonds beauftragt.
Alle weiteren Informationen: provenanceresearchfund.org
Kontakt
Dr. Julie Sissia – Wissenschaftliche Leiterin
julie.sissia@cmb.hu-berlin.de
Philon Griesel – Pressekontakt
philon.griesel@cmb.hu-berlin.de